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Test: Nicolai Helius AM Defining All Mtn

4.04.2011 - 8:00
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Das Projekt Defining All Mountain hat den Anspruch, ein Bike zu kreieren, das überall zu Hause ist. Sei es auf der Hausrunde, in den Alpen, im Bikepark oder beim Eindruck schinden an der Eisdiele. Man könnte es genauso gut als einen Selbstversuch beschreiben, alle ach so tollen Bike-Kategorien bestmöglich über den Haufen zu werfen!



Basis dieses Projekts liefert Nicolai mit ihrem Helius AM in der 2012er Version. Das Oberrohr entspricht einem „M“ Rahmen, das Sitzrohr hingegen einem „S“ Rahmen. Somit wird der Overstand niedrig gehalten und in engen, technischen Passagen bleibt dem Fahrer genügend Bewegungsraum und ein hohes Gefühl von Sicherheit. Auch an Details wie eine Zugführung für Vario-Sattelstützen oder eine ISCG Aufnahme wurde gedacht. Der Rahmen mit seinen eloxierten Rohren und dicken Schweißnähten kommt in typischer Nicolai-Maschinenbau-Schweißnaht Manier daher.
Klar involviert in dieses Projekt ist Sram: So stechen unter den Anbauteilen die Rock Shox Reverb Vario-Sattelstütze, eine Truvativ Descendant Kurbel, Truvativ Cockpit und X0 Bremsen hervor.



Doch nun zum Herzstück des Bikes: die Federung. Vorne arbeitet eine Rock Shox Lyrik Solo Air mit 170 mm Federweg. Gedämpft über die Mission Control Einheit, die bisher nur in Downhill Gabeln ihren Dienst verrichtet hat. Im selben Atemzug kann der Vivid Air Dämpfer genannt werden. Spätestens hier wird die unübersehbare Vermischung von Downhill-Technologien in Komponenten mit tourentauglichem Gewicht klar. So greift der Vivid ebenfalls auf feinste Downhill Technik zurück und hat die 170 mm am Hinterbau bestens unter Kontrolle. Neben der Low Speed Druckstufe ist die Zugstufe in 2 Bereichen einstellbar, sowohl für den Anfangshub als auch für den Endhub.



Die Abstimmung bedarf bei derart vielen Einstellparametern etwas Erfahrung und Geduld. Steht das Grundsetup, steht der ersten Ausfahrt jedoch nichts mehr im Wege. In unserem Fall machten wir die Trails rund um Stuttgart und in der Pfalz unsicher. Von einfachen flowigen Singeltrails über Highspeed-Geballer bis hin zu engen langsamen Passagen war alles dabei. Hört sich nach reinstem Downhill-Vergnügen an. Der Haken? Die Berge mussten selbst erklommen werden – wie es sich für ein Bike dieser Kategorie gehört. Achso, das mit der Kategorie wollten wir doch über den Haufen werfen…

Trotz der recht hoch bauenden Front gingen Anstiege recht leicht von statten. Um maximalen Druck aufs Vorderrad zu bringen, haben wir alle Spacer unter dem Vorbau entfernt und selbigen negativ gedreht. Der steile Sitzwinkel von 73,5° Grad und das niedrige Gesamtgewicht von 13,24 kg tragen auch zum Guten bei. Klar kann man keine Uphillwerte von einem Cross Country Bike erwarten, doch für ein Rad mit 170mm Federweg und ohne absenkbare Gabel geht es sehr gut bergauf. Limitiert wird dies nur durch den 1×10 Antrieb. Das 32er Kettenblatt in Verbindung mit der 11-36 Kassette deckt zwar einen großen Einsatzbereich ab; Wird es aber mal richtig Steil ist entweder die Beinpower oder eben schieben angesagt. Für die meisten Einsatzgebiete sollte die Übersetzung aber ausreichen.



Nun aber zur Paradedisziplin des Helius – der Hangabtriebskraft freien Lauf lassen. Die Reverb auf Abfahrtsposition gebracht und schon geht’s los. Auf den ersten Metern fällt auf, dass das Nicolai eher verspielt als sperrig ist, wuselflink zischt es um die Ecken und will mit gekonnter Hand geführt werden. Nach kurzer Eingewöhnungszeit geht dass aber leicht von der Hand. Was bei mittleren Geschwindigkeitsbereichen noch gut zu kontrollieren ist, wird bei Highspeed schon schwieriger. Das Bike wird tendenziell nervös und reagiert auf kleinste Lenkbewegungen. Der Lenkwinkel wirkt steiler als die gemessenen 66,6°. Für unseren Geschmack könnte der Lenkwinkel ein halbes bis ein Grad flacher sein, um mehr Ruhe ins potente Nicolai zu bringen. Die Federelemente verrichten derweil ihren Dienst nach Vorschrift. Jede noch so kleine Unebenheit wird durch die Lyrik weggebügelt und auch vor groben Brocken wird nicht halt gemacht. Großen Anteil daran hat die im Low- und Highspeed Bereich einstellbare Mission Control Dämpfung. Der Vivid Air hingegen agiert bei kleinen Stößen deutlich straffer. Im Low Speed Bereich kann man so auf dem Trail noch gut pushen und aus jeder noch so kleine Welle Geschwindigkeit und Schwung holen. Erst bei gröberen Brocken und harten schnellen Stößen entfaltet er sein volles Potential. Hier werden die 170mm voll ausgenutzt. Dennoch hat man nie das Gefühl der Dämpfer kommt an seine Grenzen oder schlägt hart durch. Das straffe Low Speed Verhalten, kommt der Antriebseffizienz zu Gute. Selbst im Wiegetritt wippt der Hinterbau kaum und verharrt in seiner Sag Position. Ein weiterer Punkt, der die Kletterfähigkeit des Nicolais unterstreicht.

Fazit:
Das Nicolai zeigt, was All Mountain bedeutet. Nirgendwo daheim, aber doch überall zu Hause.
Einziger Wermutstropfen ist der etwas steil geratene Lenkwinkel, der uns bei schnellen Geschwindigkeiten zu nervös war. Bei der Ausstattung gibt es nichts zu beanstanden, ebenso die Federung die zwar am Hinterbau nicht super sensibel aber durchaus sinnvoll straff abgestimmt ist. Das Gesamtkonzept geht definitiv auf.